
Nach Hitlers Ernennung zum Kanzler 1933 etablierte er eine Diktatur, und extremer Rassismus und Antisemitismus wurden offizielle Regierungspolitik. Es gab Deutsche, die völlig von der Behauptung der nationalsozialistischen Rassenideologie überzeugt waren, dass Juden für das Überleben der „überlegenen arischen“ Menschen eine tödliche Bedrohung darstellten. Sie unterstützten aktiv eine antijüdische Politik, die von der sozialen und wirtschaftlichen Isolation der Juden und ihrer erzwungenen Emigration vor dem Zweiten Weltkrieg bis zur Deportation in das besetzte Osteuropa hin eskalierte. Einige unterstützten später sogar den Massenmord an Juden.
Viele andere waren bereit, antijüdische Maßnahmen durch weniger extreme Formen des Antisemitismus zu unterstützen. Auch Opportunismus und Anpassungsdruck spielten eine Rolle. Manche rechtfertigten bestimmte Regierungsmaßnahmen, obwohl sie diese nicht unterstützten, unter Verweis auf vermeintliche Erfolge des NS- Regimes an anderer Stelle, beispielsweise in der Außenpolitik oder beim Abbau von Arbeitslosigkeit und Kriminalität. All diese unterschiedlichen Motive prägten die Reaktionen auf die Verfolgung von Juden, den „Hauptfeinden“ der Nationalsozialisten.
Viele Deutsche, die der NSDAP und ihren angeschlossenen Organisationen beigetreten waren, insbesondere der SA (Sturmabteilung) und der SS (Schutzstaffel) unterstützten den Aufruf der Nationalsozialisten, „Volksfeinde“ zu hassen und Juden aus dem deutschen Wirtschafts-, Kultur- und Gesellschaftsleben zu vertreiben. Diese Politik der Ausgrenzung richtete sich auch gegen Roma und Sinti, Homo- sexuelle, Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, Zeugen Jehovas sowie politische Gegner des NS-Regimes.
Im Laufe der Zeit haben sich viele andere Deutsche in ihrer Rolle als Arbeitgeber, Kollegen, Mitschüler, Nachbarn oder Verbraucher an der Ausgrenzung von Juden und dieser anderen Gruppen aus der „Volksgemeinschaft“ beteiligt.
NS-Propaganda und die Politik der Nationalsozialisten schufen ein Klima, in dem Jüdinnen und Juden zum Ziel von Angriffen wurden. Am 9. und 10. November 1938 kam es zu einem organisierten Pogrom gegen Juden in Deutschland. Eine kleine Anzahl nichtjüdischer Deutscher widersetzte sich aktiv den Angriffen. „Wir sind keine Brandstifter“, sagte der Bürgermeister von Fischbach, als er die Randalierer davon abhielt, eine Synagoge anzuzünden.
An den meisten Orten gehorchten jedoch die kommunalen Führungspersonen, Feuerwehrleute und Polizei den offiziellen Anweisungen, keine Brände zu löschen. Mitglieder der NSDAP und Männer der SA und SS führten die Angriffe an. Einheimische folgten ihrem Beispiel. Bürgerinnen und Bürger plünderten oft Waren aus jüdischen Geschäften.
Nach dem Pogrom vom November 1938 verstärkte das NS-Regime die Beschlagnahme jüdischer Vermögenswerte, um Juden und Jüdinnen weiter zu drängen, Deutschland zu verlassen. Einige nichtjüdische Deutsche profitierten von der Auflösung oder dem Zwangsverkauf jüdischer Geschäfte entweder direkt, als neue Eigentümer oder Angestellte, oder indirekt durch weniger Wettbewerb. Andere nutzten die Gelegenheit und kauften jüdische Gegenstände, die zu deutlich reduzierten Preisen oder auf staatlich organisierten Auktionen verkauft wurden. Durch solche Aktionen profitierten Individuen von der Judenverfolgung.
Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 und die Sowjetunion 1941 eskalierte die Verfolgung von Juden in Deutschland. Eine radikale nationalsozialistische Kriegsmaßnahme zwang Jüdinnen und Juden, einen gelben Davidstern zu tragen, um sie für die Polizei und in Geschäften, die Juden nur zu bestimmten Zeiten betreten konnten, leicht identifizierbar zu machen. Die „Judensterne“ machten die Träger zu leichten Zielen für die Hitlerjugend und andere, die willkürlich Juden in der Öffentlichkeit angriffen. Manche Deutsche vermieden den Blickkontakt mit Juden, andere äußerten Mitgefühl.
In bestimmten Kirchen hießen die Mitglieder getaufte Glaubensbrüder und -schwestern immer noch willkommen, die nach dem nationalsozialistischen Rassengesetz als „Juden“ definiert und daher gezwungen waren, den „Judenstern“ zu tragen. Im Allgemeinen unterstützten oder tolerierten deutsche Kirchenführer die nationalsozialistische Verfolgung von Juden oder passten sich stillschweigend an, um sich zu schützen.
In den Jahren 1939 und 1940 unternahm die nationalsozialistische Führung erste Schritte zur „Säuberung“ des „Großdeutschen Reiches“ von Jüdinnen und Juden sowie von Sinti und Roma durch Zwangsumsiedlungen in das von Deutschland besetzte Polen. Nach dem Einmarsch Deutschlands in die Sowjetunion im Juni 1941 begann die nationalsozialistische Politik des Massenmords.
Deutsche Führungspersönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft schwiegen, als die Massendeportationen von Juden aus „Großdeutschland“ in die von Deutschland besetzten Ostgebiete begannen. In einigen Orten verhaftete die Polizei Jüdinnen und Juden offen auf den Hauptstraßen vor den Augen von Schaulustigen, die den Abtransport aus ihrer Mitte unterstützten oder tolerierten. Nur wenige Menschen zeigten sich solidarisch oder verabschiedeten sich von ehemaligen Freunden und Nachbarn.